Eine Auswahl von Mythen, Märchen, Sagen und Legenden rund um Wasser und Meer
 

 

Von den Fischen in der Ostsee

Einmal kamen die Fische auf den Gedanken, sich einen König zu wählen. "Dor is gor keen Ordnung", so meinten sie "alle schwemmen se, as se willen, un de groten schlahn nah de lütten mit de Schwänz, dat sei wiet wegfohren, orre rennen se äwer un verschlucken se sogar."

König sollte also sein, wer am schnellsten schwimmen und in der Not den Schwachen zu Hilfe eilen konnte.

Der Hecht, der gern König werden wollte, stellte alle Fische ordentlich in Reih und Glied auf. Die Steinbutte aber sprach:"Ick will irst noch hengahn un mi ne witte Schört vörbinn."

Sie dachte nämlich, wenn sie König würde, sei es nicht schicklich, sich nackt und bloß zu zeigen. Aber so schnell ging das nicht, denn sie war schrecklich aufgeregt. Als sie zurück kam, war der Wettkampf schon vorbei, und der Barsch sagte zu ihr: "De Hiring is König!" Da strich sie ihre schöne weiße Schürze glatt und schrie empört mit schiefem Mund: "Wat, de nackte, spackte Hiring?" Währenddem krähte der Hahn, da bekam sie den Mund nicht mehr gerade.

An einem schönen Frühlingstag begegneten sich einmal Flunder und Hering. Der eine Fisch wollte zum Strand, der andere kam vor dort. "Hier, Platz gemacht!" rief der Hering, als sie sich näher kamen. Er bildete sich nicht wenig ein, seitdem er König aller Fische geworden war. Die Flunder sah den Hering groß an und fragte erst einmal: "Wat büst denn du för een?" - "Ich bin der Hering!" versetzte der in forschem Ton. - "Wur is't mäglich!" sprach die Flunder und zog ver-ächtlich ihr Maul ganz schief. "Is de Hiring denn ok'n Fisch?" Als sie die letzten Worte sagte, sprang der Wind um, da blieb ihr das Maul schief stehen. So ist es bis heute geblieben, bei der Flunder, bei der Steinbutte und überhaupt bei allen Schollen.

Den Hornfisch, einen sonderbaren Gesellen mit langem Schnabel und grasgrünen Gräten, mochten die Wustrower Fischer nicht besonders gern und riefen ihm darum zu:

»Huurnfisch, du Piperjahn, wißt du Düwel na Dierhagen gahn!«

War er dann den Dierhagenern ins Netz gegangen, warfen auch die ihn wieder ins Meer zurück mit den Worten:

»Ih, du oller Slapperjahn, kannst du nich na Graal un Müritz hengahn?«

Doch weder die Fischer in Graal noch die in Müritz machten sich viel aus dem Hornfisch. Sie schickten ihn weiter nach Warnemünde. Den Klaashans kam er gerade recht, und sie sangen:

»Huurnfisch, du Snaterjahn,
mit dinen langen Snabel,
mit dien grönen Graden,
di will ick mi braden!«

 

Quelle: eine Sage vom Ostseestrand