Eine Auswahl von Mythen, Märchen, Sagen und Legenden rund um Wasser und Meer
 

 

Vineta, oder die Geige vom Meeresgrund

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Als die »Vineta« am 1. Januar des Jahres 2000 Bremerhaven verließ, befanden sich ein paar hundert Menschen an Bord. Vielleicht waren es auch ein paar tausend.

Aber wir brauchen uns nur einige davon zu merken. Die meisten sind nie in New York angekommen. Wenn sie gewußt hätten, was unterwegs passieren würde, wären sie sicher gar nicht erst eingestiegen. Und auch die Geschichte, die ich euch darüber erzählen will, ist ziemlich aufregend. Wer also keine aufregenden Geschichten mag, der soll das Buch lieber gleich weglegen.

Zu den Schiffspassagieren, die wir uns merken wollen, gehören der Makler Klops, ein reicher Mann, der davon lebte, daß er alte, wertvolle Sachen so billig wie möglich kaufte und so teuer wie möglich wieder verkaufte. Dazu reiste er von einer Auktion zur anderen.

Was eine Auktion ist? Vielleicht habt ihr schon mal gehört, daß ab und zu Fundsachen versteigert werden, Fahrräder, Regenschirme und lauter solche Sachen, die verloren, gefunden und nicht wieder abgeholt worden sind. Diese Versteigerung nennt man auch Auktion. Aber die Versteigerungen, bei denen Herr Klops seine Geschäfte machte, waren ein bißchen anders. Da trafen sich lauter reiche Leute, die verkaufen und kaufen wollten, aber nicht Regenschirme und Fahrräder, sondern alte, wertvolle Möbel, Gemälde, Musikinstrumente und sowas. Also zu einer solchen Auktion wollte Herr Klops nach Amerika fahren, um dort eine alte, wertvolle Geige so teuer wie möglich zu verkaufen und dafür andere Sachen so billig wie möglich einzukaufen.

Natürlich war Herr Klops selbst ein reicher Mann, und mancher wunderte sich, daß er die weite Reise von Bremerhaven nach New York nicht mit dem viel schnelleren Flugzeug machte. Aber es gab zwei Gründe dafür, daß er mit dem Schiff fuhr: Erstens hatte er sich nie die Angst vorm Fliegen abgewöhnen können und zweitens wollte er sich nicht von dem wertvollen Stück seine Ware trennen. Es handelte sich um eine Geige, die - wenn Herrn Klops zu glauben ist - der berühmte italienische Geigenbauer Stradivari im Jahre 1715 gebaut hatte, und für die Herr Klops bei der Versteigerung mindestens eine Million Dollar erzielen wollte. Die anderen Sachen, die er verkaufen wollte, hatte er schon als Frachtgut vorausgeschickt, aber die Stradivari - Geige führte er als Reisegepäck bei sich, natürlich hoch versichert gegen Schäden und Verlust. Sie war verpackt in einem luft- und wasserdichten Aluminiumkoffer, mit Schlössern und Ketten gegen Diebstahl gesichert, und wenn das Schiff nicht gerade unterging, konnte eigentlich nichts passieren.

Der zweite Schiffsgast, den wir uns merken wollen, war Franz.

Auch er hatte eine Geige dabei, eine ganz billige, die er auf dem Sperrmüll gefunden hatte. Aber er konnte wunderbar spielen, er ließ die Geige zwitschern und schluchzen, wie es sonst keiner konnte. Er hatte sich vor Beginn der Reise beim Kapitän gemeldet und gefragt, ob der einen Geiger für seine Bordkapelle brauchen könne. Und der Kapitän hatte ihn gleich eingestellt.

Und nun stand Franz jeden Abend mit der Kapelle im großen Saal des Schiffes, wo die Schiffspassagiere ihre Mahlzeiten einnahmen und abends tanzten. Auch Herr Klops saß manchmal noch abends an der Bar, gleich neben dem Saal, trank teuren Sekt und rauchte dicke Zigarren, aber er tanzte nicht, dazu war er zu dick und zu ungelenkig, und er beschwerte sich häufig, daß die Musik zu laut sei, denn er war total unmusikalisch.

Wenn die Kapelle Pause hatte, kam Franz manchmal herüber in die Bar. Und einmal war direkt neben Herrn Klops ein Hocker frei, und Franz setzte sich darauf und sprach den Makler an. "Ich habe gehört, daß Sie eine echte Stradivari dabei haben. Könnte ich nicht mal darauf spielen?" Herr Klops drehte sich zur anderen Seite und sagte: "Kellnerin, bitte zahlen!" "Sie sprechen wohl nicht mit mir?" fragte Franz. Im Weggehen sagte Herr Klops über die Schulter: "Meine Stradivari ist nicht zum Spielen da"

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Jetzt kennen wir schon den Makler Klops und den Geiger Franz. Aber noch einen, der mitfuhr, müssen wir uns merken. Er sollte später zum wichtigsten Mann an Bord werden, das erzähle ich euch noch. Aber jetzt, zu Beginn der Schiffsreise, sah ihn keiner, denn er lebte tief unten im Schiffsrumpf und kam höchstens bei Nacht, wenn die zahlenden Gäste in ihren Kabinen schliefen, in seinem blauen ölverschmierten Anzug mal an Deck, um ein bißchen frische Luft zu schnuppern.

Otto, so nannten ihn seine Freunde, war der Maschinist, seine Kabine lag gleich neben den großen Schiffsmotoren, es war die lauteste Stelle im ganzen Schiff, aber Otto hatte sich an den Lärm gewöhnt und konnte am besten schlafen, wenn direkt neben ihm die Maschinen liefen.

Ja, nun wird's auch höchste Zeit, daß unsere Geschichte losgeht. Wir haben schon einen Tag an Bord hinter uns und sind an England vorbeigefahren. Der wichtigste Mann an Bord scheint nicht der Kapitän zu sein, auch nicht der Steuermann, auch nicht Otto, der Maschinist, sondern Herr Klops.

Den ganzen Tag hat er in der Funkzentrale gesessen und in der Welt herumtelefoniert. Am meisten mit Herrn Waterman, dem Auktionator in New York. "Was sagen Sie? Noch eine Stradivari? Das ist doch nicht möglich! Das verdirbt den Preis! Wie heißt der Kerl? Ach, Klieseritz, mein früherer Compagnon. Ja, ja, der hat mir einiges abgeguckt. Also, sagen Sie ihm, er soll seine Geige zurückziehen, zwei Stradivari auf einmal kann man doch nicht anbieten, da kriegen wir beide bloß den halben Preis. Ich ruf Sie in 'ner halben Stunde noch mal an. Ende."

In einer halben Stunde folgte das nächste Telefongespräch. "Er zieht seine Geige nicht zurück? Hm, hm, - fällt Ihnen dazu nichts ein? Ist seine Geige eigentlich schon da? Könnte da nicht der Holzwurm reinkommen? Wie? Sowas machen Sie nicht? Na, dann können Sie auch nicht reich werden. Und wann reist der Herr Klieseritz an? Am nächsten Donnerstag? Sagen Sie mal, könnten sie nicht die Auktion auf Mittwoch vorverlegen? Dann kommt er einen Tag zu spät und steht mit seiner Stradivari da. Ja, natürlich zahle ich ihnen was dafür. Sagen wir, fünfzigtausend. Siebzigtausend? Also sechzigtausend. Abgemacht. Wie ich bis Mittwoch in New York sein will? Das lassen Sie mal meine Sorge sein. Ende."

Und dann ließ sich Herr Klops den Kapitän kommen. "Hören Sie, Käpten, ich muß schon am Mittwoch in New York sein." "Unmöglich, mein Herr," sagte der Kapitän. Herr Klops zog sein Scheckbuch heraus und begann damit zu spielen. "Ich habe mal gehört," sagte er verträumt, "daß es eine Nordroute nach Amerika geben soll, die einen Tag schneller ist." "Ja, aber die ist sehr gefährlich wegen der Eisberge, die da herumschwimmen." "Ihr Steuermann wird schon aufpassen," sagte Herr Klops und begann einen Scheck auszufüllen. "Wieviel darf's denn sein? Zehntausend?" Dem Kapitän war die Sache peinlich, denn Seeleute sind eigentlich unbestechlich. Er wurde richtig rot wie ein kleiner Junge, als er den Scheck nahm, aber er nahm ihn. Es hatte ja niemand gesehen.

"Hart Steuerbord" Volle Kraft voraus!" rief der Kapitän. Und so begann der gefährliche Kurs durch den nördlichen Atlantik.

In der folgenden Nacht passierte das Unglück. Es gab einen fürchterlichen Stoß, viele Fahrgäste, die schon schliefen, fielen aus den Betten; andere, die noch im Restaurant saßen, fielen von Stühlen, und die Kapelle, die gerade zum Tanz aufspielte, stürzte vom Podest, wobei einige Instrumente kaputt gingen. Das Schiff war mit einem Eisberg zusammengestoßen, den der Steuermann übersehen hatte; denn Eisberge schwimmen zum großen Teil unter Wasser. Der eiserne Leib des Schiffes wurde von dem harten Eis aufgeschlitzt und Meerwasser strömte mit der Wucht eines großen Wasserfalls ins Schiff. "Schotten dicht!" hatte der Kapitän sogleich befohlen. Aber es war schon zu spät. Das Schiff kriegte Schlagseite und senkte sich immer mehr zur Seite. "Rettungsboote zu Wasser!" hallte es durch das Schiff. Und noch etwas hatte der Kapitän befohlen: "Die Kapelle spielt weiter!" Denn es sollte keine Panik unter den Schiffsgästen geben. Einige Instrumente waren heilgeblieben, und so machte die Kapelle in dem schrägliegenden Schiff, so gut es ging, schräge Musik.

Allerdings fehlte die Geige von Franz, die war beim Zusammenprall zu Bruch gegangen. Und deshalb fragte Franz Herrn Klops, der dicht bei der Kapelle gesessen und dicke Zigarren geraucht hatte, ob er nicht jetzt seine Stradivari hergeben wollte. Aber Herr Klops wollte nicht.

Als Herr Klops begriff, daß das Schiff immer mehr Schlagseite kriegte und wohl untergehen würde, rannte er los, um seine teure Geige zu retten. So kam es, daß Herr Klops abwärts zu seiner Kabine strebte, während ihm hunderte anderer Schiffsgäste entgegen strömten, um zu den Rettungsbooten zu gelangen. Es dauerte lange, bis Herr Klops seine Kabine erreicht hatte, und noch länger bis er den Aluminiumkoffer mit der Geige losgekettet hatte. Und dann verbrachte er auch noch Zeit damit, einen zweiten Koffer zu packen, oder richtiger: in aller Eile die Sachen, die ihm am wichtigsten erschienen, hineinzuwerfen. Auch seine Zigarren vergaß er nicht. Ein paar Anzüge mußte er allerdings im Schrank hängen lassen, denn das Schiff stand inzwischen so schräg, daß es wirklich Zeit wurde, von Bord zu gehen.

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Jetzt hastete er mit seinen beiden Koffern über schräge Treppen und Gänge, und als er endlich schnaufend an Deck gelangte, legte gerade das letzte Rettungsboot ab. Herr Klops schrie aus Leibeskräften um Hilfe und winkte, er versprach denen, die ihn mitnehmen würden, goldene Berge, nein, richtiger: einen Scheck über drei Millionen Dollar, dreimal so viel, wie die Stradivari in dem Aluminiumkoffer bringen sollte.

Denn er hatte begriffen: jetzt ging es nicht mehr um die Stradivari, jetzt ging es um sein Leben. Und das war ihm drei Millionen Dollar wert. Er hatte schnell ausgerechnet, daß ihm immer noch genug verbleiben würde, denn wie gesagt, Herr Klops war ein reicher Mann. Aber auch für drei Millionen Dollar fand sich keiner, der Herrn Klops retten wollte. Die Rettungsboote waren voll, und wer drin saß, wollte seinen Platz nicht für einen Scheck hergeben, mit dem mitten im Ozean ohnehin nichts anzufangen war. So kam es, daß Herr Klops auf dem sinkenden Schiff zurückblieb.

Aber Herr Klops war nicht allein auf dem sinkenden Schiff. Franz, der Geiger, hatte noch so lange mit der Kapelle musiziert, bis auch er das letzte Rettungsboot verpaßte. Und Otto, der Maschinist, hatte den weiten Weg aus der Tiefe des Schiffsleibes nicht schnell genug geschafft, und mit ihm noch einige andere, die im Maschinenraum und in der Küche arbeiteten. Und natürlich war auch der Kapitän zurückgeblieben, denn wenn ein Schiff sinkt, geht der Kapitän als letzter von Bord.

Ende der Lese - Probe

Quelle: "Die Geige vom Meeresgrund" von Heinrich Hannover

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