Eine Auswahl von Mythen, Märchen, Sagen und Legenden rund um Wasser und Meer
 

 

Schiffer Gau und sein Puk

In Barth, der alten Hafenstadt am Bodden, lebte der Schiffer Hinrich Gau. Er war der glücklichste und verwegenste Schiffer auf der ganzen Ostsee, dem alles nach Wunsch und aufs beste gedieh.

Was kein anderer Schiffer unternommen hätte, er wagte es, und man sagte, er könne mit allen Winden segeln, sogar gegen den Strom, wenn er wollte. Selbst im Winter fuhr er hinaus und im bösesten Unwetter und kam doch immer mit heilen Masten und Segeln wieder zurück, wenn die anderen Schiffe zersplittert und zerborsten in den Hafen einliefen oder gar so tief vor Anker gegangen waren, daß kein Menschenauge sie jemals wiedersah.

Hinrich Gau fuhr aber Tag für Tag munter seinen Kurs, als könnte er den Wind aus dem Sack schütten, ganz wie er ihn gerade brauchte. Er war denn auch immer der erste am Platz, hatte die besten Frachten und war in wenigen Jahren ein reicher Mann, daß man ihn bald nur noch den »riken Schipper« oder den »riken Gau« nannte.

Aber mit seinem schnellen Glück war es ein eigen Ding. Die Leute raunten von einem Puk, der ihm günstigen Wind und Reichtum brachte. Die Matrosen wollten den kleinen Kerl manchmal gesehen haben, wenn es steif wehte oder die Nacht gefährlich dunkel war. Dann war der Puk als ein kleinwinziges Jünglein mit schwarzer Jacke und roter Mütze auf dem Schiff flink umhergelaufen und hatte überall nachgesehen, oder er hatte ein andermal als eisgraues Männlein mit kreideweißer Perücke am Steuerruder gesessen und zum Himmel hinaufgeblickt, um dem Schiff den Weg zu weisen. In einem Schrank in seiner Koje sollte der Schiffer seinen kleinen Kumpan aufs beste pflegen und versorgen. Niemand durfte da herangehen, nur er trug mehrmals am Tag süßen Muskatwein, Rosinen und Feigen dorthin. Der nützliche Helfer ließ sich alles mit Behagen schmecken, er fühlte sich offenbar ganz wohl an Bord.

Noch an so manchem schönen und stürmischen Tag war mit Schiffer Gau das Glück auf Fahrt, bis es damit ein jähes Ende nahm.

Das geschah, als der Schiffer mit reicher Ladung aus England gekommen war und sein Schiff auf der Reede von Stralsund vor Anker lag. Er war für einen Tag in die Stadt gefahren, und wenn er sonst jeden Tag wenigstens dreimal an Bord ging, um nach dem Rechten zu sehen und seinen Glücksbringer zu füttern - diesmal war er in ein wüstes Gelage geraten und hatte tief ins Glas geguckt, so tief, daß er Schiff und Puk und die ganze Welt vergaß und zwei volle Tage seinen Rausch ausschlief.

Zornig vor Hunger, zerbrach der Puk den Schrank, in dem er saß, zerschlug auch die Kojentür und blies an Deck einen Sturm herauf, daß alle Segel zu spielen anfingen und sich das Schiff vom Anker riß.

Verwundert rieben sich die Leute an den Ladeplätzen die Augen.

Obwohl bei der Stadt kaum ein Lüftchen wehte, taumelte und stampfte das Schiff heftig im Kreis herum. Viele Schiffer liefen herbei, lautes Geschrei erhob sich, und schließlich holten sie den Schiffer Gau. Er griff sich Flugs ein paar von seinen Matrosen, löste sein Boot und rief, indem schon die Riemen knarrten: »Frisch, Jongs, frisch! Wenn ick an Bord kam, schall min Kerl woll wedder to Loch, he kennt min Kommando woll.«

Schiffer Gau kam richtig auf das Schiff, das immer noch im Kreis herum schwankte, als steckte es in einem mächtigen Strudel. Alle anderen Schiffe auf der Reede rührten sich nicht, wehte für sie denn kein Wind? Die Matrosen auf dem nun gefährlich schaukelnden Schiff waren schon am Verzagen, Schiffer Gau rannte nur immer hin und her und brüllte sein Kommando, außer sich vor Wut, daß ihm der Puk entwischt war. Der aber ließ sich nicht mehr blicken, ja, am Ende blies er noch gewaltiger, daß sich das Schiff ganz und gar auf die Seite legte und mit Mann und Maus im Sund versank.

 

Quelle: eine Sage vom Ostseestrand