Eine Auswahl von Mythen, Märchen, Sagen und Legenden rund um Wasser und Meer
 

 

DER ROTE HAHN IM STECHLINSEE

roter hahn

Im Lande Ruppin liegt in der Menzer Forst der große Stechlinsee. Prächtiger Eichen- und Buchenwald und hohe, oft steil abfallende Berge schließen seine Silberfluten ein. Sein Wasser ist so klar, daß man an vielen Stellen bis auf den Grund sehen kann. Der See ist ein "Kreuzsee", das heißt, er ist in seiner Form einem Kreuze ähnlich. Schon diese merkwürdige Gestalt gibt allerlei zu denken. So sagen die Leute: Kein Gewitter könne über ihn hinwegziehen; im Winter friere er selten zu; endlich aber wohne in seiner unergründlichen Tiefe ein böser, purpurroter Hahn, der es nicht dulde, daß man die tiefen Gründe auslote und dort fische.

Vor langen Zeiten lebte im Stechliner Fischerhaus ein Fischer mit Namen Minack. Der war ein gar roher und wilder Geselle, der nur auf seine Riesenkraft vertraute und weder Menschen noch Geister fürchtete.

Wenn ihm Nachbarn oder Freunde rieten, sich vor dem roten Hahn in acht zu nehmen, so lachte er nur dazu. Sie warnten ihn, an den verrufenen Stellen zu fischen, und erzählten ihm dann: "Mancher deiner Vorgänger hat dort den ‚Totenzug' getan und ist vom roten Hahn auf den Grund hinabgezogen worden." Minack ließ sich durch keine Reden erschrecken, sondern fischt nach wie vor, wo und wie er wollte.

Einst gedachte er, an einer der tiefsten Stellen einen Hauptfang zu tun. Es war böses und stürmisches Wetter, und seine Gesellen folgten ihm nur mit Zittern und Zagen. Sie fuhren auf die Höhe und warfen das Netz aus. Dann kehrten sie zum Ufer zurück, um es mit langen Tauen herauszuwinden. Doch bald gehen die Winden schwerer und schwerer, bis sie schließlich völlig festsitzen. Da sprach Minack: "Das Netz hat sich wohl an einer Stelle verfangen; ich will hinausfahren und es lüften." Es gelingt ihm auch, seinen Kahn am losen Tau entlang bis auf die Höhe zu ziehen. Dort legt er das Seil über den Kahn, und die Gesellen am Ufer zeihen die Winden wieder an. Das Tau strafft sich immer mehr und droht, Minacks Kahn unter Wasser zu drücken. Da ruft der Fischer seinen Gesellen am Ufer zu: "Halt! Laßt die Winden los!" Sie verstehen aber im Toben des Sturmes fälschlich: "Windet zu!" und arbeiteten kräftig drauf los. Jetzt füllt sich Minacks Kahn schon mit Wasser. Es ist unmöglich, das straffe Tau herunterzuheben. In seiner Angst holt er das Messer aus der Tasche und zerschneidet es. Im selben Augenblick, als die beiden Enden des durchschnittenen Taus ins Wasser gleiten, teilt sich die Flut, und aus den schäumenden Wogen rauscht der rote Hahn empor. Mit seinen mächtigen Flügeln peitscht er das Wasser, mit schrillem Krähen betäubt er den unglücklichen Fischer und zieht ihn mit sich hinab in die Tiefe.

 

Quelle: eine Sage aus der Landschaft Ruppin