Eine Auswahl von Mythen, Märchen, Sagen und Legenden rund um Wasser und Meer
 

 

Die Herren der See

herren der see

Vor langer Zeit lebten zwei bettelarme Leute, ein Mann und eine Frau. Sie hungerten tagein, tagaus und wußten gar nicht mehr, wie gutes Essen riecht. Schwemmte das Meer einen toten Fisch an Land, so nahmen sie ihn mit nach Hause und bereiteten sich davon eine Mahlzeit.

Die beiden hatten ein Töchterchen. Mit den Jahren wuchs das Kind heran. Ein schönes Mädchen war bald aus ihm geworden.

So lebten sie zu dritt am Meer und mußten mit dem vorliebnehmen, was das Wasser und die Erde ihnen gaben. Der Winter ging, der Frühling kam. Kein Bissen war mehr im Hause. Der Hunger wuchs mit den Tagen. Der alte Mann ging ans Meer und schritt am Ufer auf und ab. Er hoffte, wenigstens ein totes Seetier im Sand zu finden. Überall suchte er, aber nichts fand er. Da ließ er sich auf einen Steinblock am Ufer nieder, stützte den Kopf in beide Hände und sagte voller Sorge und Gram: "Was soll ich bloß meiner Frau und Tochter zu essen bringen? Wie kann ich ohne Nahrung nach Hause gehen?"

Lange saß er so da und blickte mit trüben Augen aufs Meer. Unheimlich war an diesem Tage das Meer anzusehen. Wie in einem riesigen Kessel brodelte das Wasser. Mit einem Mal warf das Meer einen großen Wal ans Ufer. Daraufhin sprangen sechs Seelöwen, die Herren des Meeres, an den Strand und zerhackten den Wal mit ihren Säbeln. Dann verschwanden sie wieder in den Wogen und tauchten in die Tiefe. Der alte Mann hatte sich hinter einem Stein versteckt und wagte kaum zu atmen. Vorsichtig schlich er sich an den toten Wal heran. Neben dem Wal lag der Säbel eines Seelöwen.

Das Meer schenkt mir großes Glück, dachte der alte Mann und schnitt mit dem Säbel ein Stück Fleisch von dem Wal ab. Dies brachte er seiner Frau nach Hause. Den Säbel hatte er auch mitgebracht, den verwahrte die Alte in einer Kiste. Bald hatte sie Feuer gemacht; sie kochte das Walfleisch und gab ihrem Mann und der Tochter zu essen. Nun konnten sie alle ihren Hunger stillen. Nach dieser Mahlzeit legten sich die beiden alten Leute schlafen. Die Tochter aber verließ leise das Haus.

Am nächsten Morgen erwachten die beiden Alten, fanden aber zu ihrem Entsetzen die Tochter nicht in ihrem Bett. Überall suchten sie, im Haus, ums Haus und weit in der Umgebung - und am Meer.

Da weinten sie bitterlich: "Wo ist unsere Tochter geblieben?" Als sie zu ihrer Behausung zurückkamen, saß das schöne Kind auf den Stufen. Mit eigenartig traurigen Augen blickte ihnen ihre Tochter entgegen.

"Mein Kind", sprach die Mutter, "wir haben dich überall gesucht, wo bist du bloß gewesen?"

Die Tochter aber schien die Sprache verloren zu haben, sie rang stumm die Hände und konnte kein Wort hervorbringen. Alle drei gingen ins Haus, keiner von ihnen aber konnte schlafen. Wortlos würgten sie an ihrem Kummer. Da erhob sich auf einmal die Tochter, ging zur Tür, schritt über die Schwelle und war im selben Augenblick verschwunden. Nie mehr kehrte sie zurück in ihr Elternhaus.

Der Winter ging. Der Frühling kam. Der alte Mann streifte am Ufer des Meeres entlang und fand wieder jenen Stein, auf dem er gesessen hatte, als der Wal an Land spülte. Er setzte sich auf den Stein und blickte hinaus aufs Meer. Dabei dachte er an seine verschollene Tochter und sprach voller Trauer: "Ach, kämst du wieder zu mir, mein Kind, meinetwegen sogar vom Meeresgrund."

Da wallte und wogte das Meer wie damals. Unheimlich war das Meer anzusehen. Wie in einem riesigen Kessel brodelte das Wasser. Und aus den Wellen stiegen plötzlich sechs Seelöwen, sechs Herren des Meeres. Der Alte rieb sich die Augen, denn er sah es ganz deutlich: Auf dem Rücken eines Seelöwen ritt seine Tochter, sein Kind. Der Alte konnte kaum Worte finden. Er fing zu zittern an. Dann rief er klagend in den Wind: "Mein Kind, mein Kind, kommst du zu mir vom Meeresgrund? Kannst du reden, so sprich zu deinem Vater, sprich dies eine Mal! Oder bist du zum Schweigen verdammt?"

"Nein"; sprach die Tochter, "heute kann ich reden. Höre, Vater! Du hast den Zorn der Seeherren auf dich gezogen, weil du ihren Säbel damals mit nach Hause genommen hast. Deshalb bin ich gefangen bei den Seeherren. Geh nach Hause, grüße die Mutter und erzähle ihr alles. In einem Jahr aber komme wieder zu diesem Stein."

Der alte Mann ging wie benommen nach Hause. Dort sprach er zu seiner Frau: "Die Seeherren haben unsere Tochter geholt. Sie lebt als Gefangene bei ihnen. Nach einem Jahr erst darf ich sie wiedersehen. Aber ob sie wirklich zurückkommen wird? Ich weiß es nicht."

Der Winter ging. Der Frühling kam. Der alte Mann ging zum Meer und setzte sich bangen Herzens auf den Stein. Lange saß er da und schaute hinaus aufs Meer. Klagend rief er dann in den Wind: "Mein Kind, mein Kind, du hast es versprochen, steig herauf zu mir vom Meeresgrund!" Da rollte eine gewaltige Woge ans Ufer. Und hinter der Woge tauchte ein Seeherr auf, und auf seinem Rücken ritt die Tochter des Alten. Dicht trat sie zu ihm heran am Ufer. Der Alte rieb sich seine Augen, denn er sah, er sah es ganz deutlich: die Tochter war noch schöner geworden und ihr Haar noch länger. Auf ihren Armen trug sie ein kleines Kind, das lächelte dem Alten zu. Die Tochter herzte das Kind an ihrer Brust und sprach: "Mein Vater, ich bin die Frau des Seeherrn geworden.

Dies ist unser Sohn. Sage der Mutter, sie brauche sich nicht mehr zu grämen, es geht mir gut. Du aber gräme dich auch nicht! Komm auch nicht mehr an diesen Strand. Mich wirst du nicht mehr sehen. Ihr werdet nun keine Not mehr leiden. Ich werde euch immer tote Robben schicken. Wenn ihr Fleisch wollt, so kommt an den Strand. Ihr braucht nichts zu fürchten dabei, ihr könnt kommen und essen."

Nach diesen Worten setzte sie sich wieder auf den Rücken des Seeherrn, tauchte mit ihm in die Wellen ein und verschwand in den Tiefen des Meers. Der alte Mann machte sich tränenüberströmt auf den Heimweg. Zu Hause berichtete schluchzend seiner Frau: "Ein Seeherr hat unsere Tochter zu Frau genommen. Sie haben einen Sohn, ein liebes Kind. Nie mehr wird sie zu uns zurückkommen. Sie sagt, du sollst dich nicht mehr grämen, ihr gehe es gut. Und sie sagte, die Not bei und habe nun ein Ende." Die Worte der Tochter gingen in Erfüllung. Das Meer gab ihnen alles, was sie brauchten. Ging der alte Mann an den Strand, so fand er jedesmal eine tote Robbe. So erfuhren die beiden alten Leute, wie gute Speisen riechen. Immer hatten sie fettes Robbenfleisch, daran konnten sie sich stärken. Lange Jahre lebten die beiden alten noch, aber ihre Tochter sahen sie nie mehr wieder.

Quelle: "Märchen aus Sibirien"