Eine Auswahl von Mythen, Märchen, Sagen und Legenden rund um Wasser und Meer
 

 

Die drei Hunde

Ein armer Fischer am Ostseestrand fing eines Tages einen Fisch, der begann zu reden und bat, er möge ihn leben lassen. Das tat der Fischer auch, warf ihn wieder hinein und ging nach Hause. Als er seiner Frau davon erzählte, schalt sie ihn aus.

Den andern Tag fing er den Fisch wieder, und er warf ihn wieder hinein, und seine Frau schalt ihn noch ärger.

Den dritten Tag fing er wiederum den Fisch. »Nun lasse ich dich nicht mehr leben«, sagte er, »nun nehme ich dich mit. «

»Wenn du mich doch kochen willst«, sprach da der Fisch. »dann schneide mich in drei Stücke, eins für dich, eins für deine Frau und eins für deinen Sohn. Die Knochen grab im Garten ein, und nach einem Jahr grab sie nur wieder aus.«

Also tat es der Fischer, nur dachte er, als das Jahr vorüber war, nicht mehr an die Knochen, erst als sein Sohn schon erwachsen war. Aber was grub er dann aus? Ein langes Schwert. »Vater«, sprach der Sohn, »Ihr wißt, ich will in die Fremde ziehen, gebt mir zu Euerm Pferd auch noch das Schwert.«

Nun gut, er hat beides bekommen und ist ein paar Tage unterwegs, da kehrt er ein in einen Krug. Dort ist gerade ein Mann mit drei Hunden, die will er verkaufen. Schöne Tiere. denkt der junge Fischer, bietet sein Pferd dafür, und bald sind sie handelseinig. Ein Hund heißt »Packan«, der zweite »Brich--Eisen-und-Stahl« und der dritte «Zerreiß«.

Dann wandert er weiter und kommt in die Stadt des Königs, und aus allen Häusern hängen schwarze Fahnen. Wieder kehrt er ein und fragt gleich den Wirt, weshalb die ganze Stadt in Trauer sei. »Unsere Stadt muß alle Jahre dem Drachen ein junges Mädchen schicken«, lautet der Bescheid, »und in diesem Jahr ist die Königstochter an der Reihe.« »Kann denn keiner sie erlösen?« fragt der junge Fischer.

Marie war mit der Magd ständig draußen, um den Männern zu helfen, wenn sie mit Booten Frauen und Kinder, auch Hausrat und Vieh in Sicherheit brachten. Aber plötzlich merkten sie, daß das Wasser noch immer stieg und sie selbst nun auch gefährdet waren. Im Schein von Fackeln und Laternen versuchten sie, mit dem Nötigsten bis zur Kirche zu gelangen. Diese bot noch Schutz, weil sie am höchsten gelegen war und starke Mauern hatte.

»Kein Mensch kann gegen den Drachen an«, sagt der Wirt. Da läßt sich der Fischer den Weg zur Höhle des Drachen erklären, geht mit seinen Hunden hin und versteckt sich dort im Unterholz. Bald kommt ein schwarzer Wagen angefahren, der Kutscher hält, und das Mädchen steigt aus. Der junge Fischer tritt heran und fragt, was das zu bedeuten habe. Sie wolle zum Drachen gehen, sagt sie leise und traurig. Dann wolle er sie begleiten, sagt er. Sie reicht ihm einen Becher Wein, und sie machen sich auf den Weg, während der Kutscher noch wartet und neugierig Ausschau hält, wann der Drache wohl kommen mag.

Es dauert gar nicht lange, da wälzt sich das Untier heran und speit Feuer und giftigen Rauch. »Packan!« ruft der Fischer, und der Hund packt auch sofort an und beißt sich fest. »Brich-Eisen-und-Stahl!« ruft der Fischer, und der Hund springt zu und bricht dem Drachen die Knochen entzwei, daß es nur so kracht.

»Zerreiß!« ruft der Fischer, und der Hund reißt dem Drachen das Fell herunter. Schon liegt das Untier todwund am Boden. Der Fischer tritt heran und schlägt ihm alle neun Köpfe ab mit seinem langen Schwert. Die Königstochter ist vor Freude außer sich und sagt, er solle immer bei ihr bleiben und sie möchte seine Frau werden.

Er erwidert: »Gern würde ich Euch zur Frau nehmen, aber ich gehe noch einmal fort. Über ein Jahr und einen Tag komme ich wieder zurück, dann soll die Hochzeit sein. Könnt Ihr aber so lange warten?« Ja, das will sie. Da löst er die Zungen aus den neun Drachenköpfen, wickelt sie sorgfältig in ein Tuch, pfeift seiner Hunden und geht davon.

Der Kutscher läßt die Königstochter einsteigen, doch dann er drohend auf sie ein. Schwören soll sie, daß er es war, den Drachen getötet hat. Sie gerät in große Angst und sagt es zitternd und zagend zu, es bleibt ihr keine andere Wahl. Dann holt sich der Kutscher die neun Köpfe des Drachen und fährt los.

Bei ihrer Rückkehr ist allenthalben eitel Freude, daß das Ungeheuer tot ist, und der Kutscher soll die Königstochter zur Frau bekommen. Sie aber schiebt die Hochzeit auf, immer wieder von neuem, um ein ganzes Jahr, aber dann ist es soweit, endlich soll gefeiert werden.

Um diese Zeit kommt der Fischerssohn wieder in die Stadt des Königs, und diesmal hängen aus allen Fenstern Fahnen in vielen Farben. »Ich bin vor einem Jahr hiergewesen«, sagt er zu dem Wirt im Krug, »damals war alles schwarz, und heute alles, bunt?« »Ja«, sagt der Krüger, »das ist nun gerade ein Jahr her, daß der Kutscher den Drachen erschlagen hat, und nun soll er die Königstochter heiraten.« »Na«‚ meint der Fischer, »wenn ich da einen von meinen Hunden hinschicke, dann holt er mir was von der Hochzeit. Nicht wahr, das glaubt Ihr mir?« »Nein«, sagt der Wirt, »wenn ich auch alles mögliche glaube, das bestimmt nicht, da setze ich meinen ganzen Krug dagegen! «

»Es gilt!« spricht der Fischer, läßt sich einen Korb geben, hängt ihn dem Hund um den Hals, legt einen Zettel hinein und zeigt dem Hund den Weg zum Schloß. Bis zur Stunde hat die Königstochter immer gehofft, er werde noch kommen und um ihre Hand anhalten. Als der Hund zum Tor hineinläuft, paßt sie ihn ab und findet auch den Zettel. Darauf steht nur, sie möge ihm einen Offiziersanzug schicken. Sie läßt einen herbeibringen, legt ihn in den Korb und dazu einen Zettel, er sei zum Polterabend geladen. Dann läuft der Hund wieder hinaus.

Nun ist der Wirt ganz kleinlaut und glaubt nichts anderes, als daß er seinen Krug hergeben muß. Aber nein, der Fischer wehrt ab, was soll er denn mit dem Krug, wo ihm etwas viel Schöneres winkt. Er zieht die Uniform an und geht aufs Schloß. Dort ist er allen ein Fremder. Nur die Königstochter erkennt ihn. Er setzt sich zu ihr und läßt sich alles erzählen, warum sie nicht auf ihn warten konnte, ein Jahr und einen Tag, obwohl sie es ihm doch versprochen hat, und wie sie dem Kutscher in Not und Bedrängnis hat schwören müssen, ihn als den Drachentöter auszugeben. »Wie konnte er es aber beweisen?« fragt er schließlich.

Sie deutet auf die neun Köpfe. Er besieht sie sich näher und bemerkt, daß ihnen die Zungen fehlen. »Vielleicht haben Drachen gar keine Zungen?« meint die Königstochter. »Ich glaube, sie haben doch welche«, sagt er nur und zieht das Bündel mit den neun Zungen hervor. »Hier sind sie, so wie ich sie damals herausgeschnitten habe!«
Es gibt ein großes Aufsehen, und die Königstochter sorgt dafür, daß es jeder gleich erfährt, wer in Wahrheit der Held gewesen ist.
Auf der Stelle wird der Kutscher in Ketten gelegt und ins finstere Verlies geworfen, und Hochzeit ist mit dem Fischerssohn, der endlich die Königstochter heimführen kann.

 

Quelle: eine Sage vom Ostseestrand